Private Abwasserkanäle

Untersuchung & Erkundung

Zustand und Untersuchung privater Abwasserkanäle

Während öffentliche Kanalnetze in Deutschland regelmäßig überprüft und instand gehalten werden, bleiben die auf privaten Grundstücken verlaufenden Abwasserleitungen vielfach unbeachtet – obwohl diese einen erheblichen Anteil des Gesamtnetzes ausmachen. Undichte oder beschädigte Grundstücksentwässerungsanlagen können gravierende Folgen haben: für Umwelt, Infrastruktur, Gebäude und nicht zuletzt für den Geldbeutel der Eigentümerinnen und Eigentümer. Der folgende Text zeigt auf, warum die Untersuchung privater Kanäle dringend erforderlich ist, welche Schäden auftreten können und welche Prüfverfahren geeignet sind.

Derzeitige Situation

Regelmäßige Kontrolle öffentlicher Kanäle

In den vergangenen Jahrzehnten wurden Milliarden in die öffentliche Kanalisation investiert. Ziel war es, Regenwasser sicher abzuleiten und Schmutzwasser hygienisch zu entsorgen. Rund 80 % der öffentlichen Kanäle sind heute bereits untersucht und bei Bedarf saniert.

Mangelnde Kontrolle privater Grundstücksentwässerung

Ganz anders sieht es bei den privaten Entwässerungssystemen aus – also bei Leitungen, Schächten und sonstigen Anlagen auf Privatgrundstücken. Diese sogenannten Grundstücks­entwässerungs­anlagen sind laut einer Umfrage der DWA (2015) nur in rund 10 % der Kommunen Bestandteil eines Untersuchungs­programms. Der tatsächliche Zustand bleibt also in den meisten Fällen unbekannt.

Ergebnisse aus Modellprojekten

Modellprojekte in Baden-Württemberg haben gezeigt:

  • Die technischen Voraussetzungen zur Untersuchung sind vorhanden.
  • Ein großer Teil der untersuchten privaten Leitungen ist schadhaft.
  • Diese Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen aus anderen Bundesländern.

Vergleich mit öffentlichen Kanälen

Während etwa 20 % der öffentlichen Kanäle als sofort bis mittelfristig sanierungs­bedürftig gelten, ist der Zustand der privaten Anlagen deutlich schlechter. Besonders kritisch: Die Gesamtlänge der privaten Abwasser­leitungen ist etwa doppelt so groß wie die des öffentlichen Kanalnetzes. Entsprechend hoch ist das Schadens­potenzial.

Beispiel für den Anschluss von Leitungen aus dem Gebäude bis an den öffentlichen Kanal

Warum eine Untersuchung wichtig ist

Risiken für Eigentümerinnen und Eigentümer

Ein funktionierendes Entwässerungssystem liegt auch im Eigeninteresse der Grundstücks­eigentümer. Schadhafte Leitungen können:

  • zu Rückstau durch Verstopfungen führen
  • bei Starkregen zu Überflutungen auf dem Grundstück führen
  • die Bausubstanz durch eindringendes Wasser schädigen

Folgen schadhafter Grundstücks­entwässerungs­anlagen

Abwasserexfiltration – Gefahr für Boden und Grundwasser

Risiken

Undichte Leitungen können Abwasser in den Boden abgeben. Dadurch besteht die Gefahr einer Grundwasserverunreinigung, etwa durch:

  • Bakterien
  • Arzneimittelrückstände
  • Schwermetalle

Das Vorsorgeprinzip ist hier von zentraler Bedeutung.

Art der Untersuchung

Bei Leitungen oberhalb grundwasserführender Schichten ist eine optische Inspektion in der Regel ausreichend. Grundwassereintritt ist dann nicht zu erwarten. Wesentliche  Schäden lassen sich erkennen und bewerten.

Grundwasserinfiltration – Belastung für Kanalnetz und Kläranlagen

Auswirkungen

Durch undichte Stellen kann Grundwasser in die Leitungen eindringen und folgende Probleme verursachen:

  • Höhere Fördermengen über Pumpwerke
  • Erhöhte hydraulische Belastung der öffentlichen Kanäle und der Kläranlagen
  • Steigende Betriebskosten und Abwassergebühren
  • Minderung der Reinigungsleistung *)
  • Zunahme der Gewässerverschmutzung
    • über den Ablauf aus Kläranlagen *)
    • über Regenentlastungsanlagen, weil größere Abwassermengen in die Gewässer gelangen

Art der Untersuchung

Wenn die Leitungen dauerhaft im Grundwasser liegen, reicht meist ebenfalls eine optische Inspektion, da eindringendes Wasser sichtbar ist.

Kombination aus Exfiltration und Infiltration

Wechselwirkung

In Bereichen mit schwankendem Grundwasserstand kann es sowohl zur Abwasserexfiltration als auch zur Grundwasserinfiltration kommen – mit allen genannten negativen Folgen.

Art der Untersuchung

In solchen Fällen ist neben der optischen Inspektion oft eine Dichtheitsprüfung (z. B. Druckprüfung) erforderlich.

Hinweis: Undichte Stellen lassen sich nur bei tatsächlichem Wassereintritt sicher erkennen. Steht das Grundwasser gerade unterhalb der Leitung, ist eine zusätzliche Prüfung unerlässlich.

Bestands- und Zustandserfassung der Grundstücksentwässerungsanlagen

In vielen Fällen sind die Leitungsverläufe auf den Grundstücken völlig unklar. Die Bauherren haben oftmals keinen Wert darauf gelegt, die erdverlegten Leitungen in einem Bestandsplan darzustellen oder fotografisch zu dokumentieren. Diese Verläufe später zu rekonstruieren, gelingt heute in relativ zuverlässiger Weise im Zuge der optischen Inspektion. Die heutigen Klein­kamera­systeme zur Untersuchung und Dokumentation der Leitungszustände verfügen über immer besser werdende Lageortungs- und Dokumentations­möglichkeiten im unmittelbaren Zusammenhang mit der Inspektion. Um den Arbeitsaufwand zu optimieren, empfehlen sich folgende Arbeitsschritte:

Vorerkundung der Grundstückssituation

Einsichtnahme und Auswertung der Grundstücksentwässerungsakte in der Kommune

Zur grundsätzlichen Klärung, welche Kenntnisse zur Entwässerungsanlage offiziell bei der Gemeinde vorliegen (z.B. Entwässerungsantrag).

Grundstückserstbegehung mit dem Grundstückseigentümer

Diese dient der Klärung der Abwasseranfallstellen in der unteren Gebäudeebene (z.B. Keller), der bekannten oder zu vermutenden Leitungsverläufe, der Zugangsmöglichkeiten zum Leitungsnetz (Schächte, Putzöffnungen usw.) und der Frage geplanter baulicher Veränderungen (z.B. Außerbetriebnahme von Teilsträngen, Oberflächenumgestaltung, Gebäudeumbauten).

Zusammenfassung der gesammelten Erkenntnisse in einer einfachen Lageskizze und ggf. Bilddokumentation

Die Vorerkundung dient dem Zweck, möglichst viele Informationen zur Grundstückssituation an das Inspektionsunternehmen übergeben zu können. Hierdurch werden die technischen Arbeitsabläufe vor Ort effektiver und kostengünstiger. Weiterhin dient die gewonnene Ortskenntnis (z.B. Bilddokumentation) der späteren Prüfung von Sanierungsalternativen.

Technische Zustandsprüfung

Signalnebeluntersuchung für Grundstücke, die an öffentliche Entwässerungsnetze mit getrennten Kanälen für Schmutz- und Regenwasser (Trennsystem) angeschlossen sind

Diese dient der Feststellung, ob Fehlanschlüsse von zum Beispiel Regen- an Schmutzwasser­kanäle vorhanden sind.

Der Signalnebel wird durch ein Gebläse in die zu überprüfende Kanalstrecke geblasen. Durch die Kamin­wirkung des Rohrsystems tritt der Nebel an allen Öffnungen aus, die mit der Quelle verbunden sind. So kann man z.B. neben Fehlanschlüssen auch nicht (vollständig) verschlossene Leitungs­enden lokalisieren oder Geruchs­belästigungen nachspüren. Der Nebel ist für Mensch und Umwelt ungefährlich.
Vor Einsatz des Verfahrens sollte die Feuerwehr informiert werden, damit es nicht zu Fehl­alarmen kommt.

Optische Inspektion der gesamten Entwässerungsanlage mittels TV-Kameras mit vorhergehender Reinigung der Leitungen

Diese dient primär der optischen Zustandserfassung eventueller Schadenszustände. Daneben wird im Zuge der Inspektion die Ortung der Leitungsverläufe vorgenommen und dokumentiert. Der Auswahl des geeigneten und entsprechend ausgerüsteten Unternehmens kommt eine große Bedeutung zu. Vielfach ist die notwendige Kompetenz und Ausstattung unzureichend.

Ggf. müssen zusätzliche Dichtigkeitsprüfungen durchgeführt werden

Diese sind dann erforderlich, wenn sicher ausgeschlossen werden soll, dass Undichtigkeiten bestehen. Die optische Inspektion ermöglicht nur bedingt Aussagen zur Dichtigkeit der Entwässerungsanlage.

Modell einer Druckprüfung mit Luft: Absperrblase im Rohr, Manometer

Analyse der Untersuchungsergebnisse

Dokumentation der Bestandssituation

Die Erkenntnisse der Leitungsverlaufsortung führen zu einem Bestandslageplan, in dem die einzelnen Leitungsteile benannt und dargestellt werden. Dieser dient der Visualisierung ggf. notwendiger Maßnahmen und evtl. bestehender Behinderungen durch Überbauungen.

Bewertung der Zustandsdaten

Die festgestellten Schäden werden hinsichtlich des Schadensausmaßes und der Sanierungsdringlichkeit i.d.R. klassifiziert und bewertet. Nicht jeder festgestellte Schadenszustand muss im Sinne der gesetzlichen Vorgaben (im Wesentlichen: Dichtigkeit) unmittelbar oder überhaupt saniert werden. Diese Analyse sollte von neutralen Spezialisten vorgenommen und nicht Firmen überlassen werden, die ein eigenes Interesse an (teueren) Sanierungsarbeiten haben könnten.